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Trifft die Wirtschaftskrise das Gesundheitswesen?
Mögliche Auswirkungen


7. Internationaler Kongress der OÖ. Ordensspitäler
Donnerstag, 5. November 2009
Design Center Linz

 

Beim 7. Internationalen Kongress konnte die Generaloberin der Franziskanerinnen von Vöcklabruck Sr. Kunigunde Dr. Fürst den Landesdirektor vom ORF Oberösterreich Dr. Helmut Obermayr, Chefredakteur der Kronenzeitung Klaus Herrmann, Bischof Ludwig Schwarz und Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer begrüßen.

 

Folgende Referenten behandelten das Kongress-Thema:
 



Dr. Rudolf Kösters, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft Berlin

Der Referent beschäftigte sich mit dem Krankenhaus im Spannungsfeld zwischen Humanität und Ökonomie. Grundsätzlich sind christliche Häuser der Tradition – Bewahrung und Weiterführung der Werte und Aufgaben der Orden – verpflichtet, wobei sich aber Tradition und Marktdynamik nicht ausschließen, ganz im Gegenteil. Die Zukunft liege dabei in Krankenhausverbünden, das alleinstehende Spital ist in Zukunft chancenlos. Entscheidend bei diesen Verbünden für optimale Synergien sind Leistungsabsprachen und Schwerpunktbildungen. „Leuchtturmprojekte“ sollen installiert werden, also Einrichtungen mit ganz speziellen hochmedizinischen Leistungsangeboten. Entscheidend für den Erfolg ist aber letztlich immer die Werte- und Unternehmenskultur. Die Wertekultur in einem christlichen Haus ist so zu leben, dass sie für Patienten, Mitarbeiter und Angehörige erfahrbar wird. Wertorientierung und Wertbasierung sind zentrale Ansatzpunkte eines christlichen Spitals. Das christliche Profil muss bei allen Wirtschaftlichkeitsbestrebungen immer die Leitlinie des Handelns bleiben.

 

 

P. Herwig Büchele SJ

Er sprach zum Thema „Der real praktizierte Kapitalismus – hat er eine Zukunft?“ Die humanisierenden Einflüsse des Staates – und dies gilt letztlich ja auch für Spitäler – sind heute in Gefahr durch den Prozess der Globalisierung. Die Weltgesellschaft wird immer mehr in ein steuerungsloses System verwandelt. Staaten und Gewerkschaften verlieren immer mehr an Gegenmacht. Eine neue Weltordnung ist politisch gefordert. Auf dem Spiel steht nämlich der soziale Frieden. Die Staaten müssen wieder Ordnungsmaßnahmen vorgeben und dürfen nicht die total freie Marktwirtschaft zulassen. Entscheidend wichtig für die soziale Gerechtigkeit ist ein gegenseitiges soziales Haftungsprinzip, gegen das in letzter Zeit grob verstoßen wurde. Ohne eine kooperative neue demokratische Weltordnung wachse die Orientierungslosigkeit ganz vieler Menschen weltweit. Der Strukturwandel zu einer Allianz der Demokratie wird entscheidend sein. Allein der Vorrang der spirituellen Dimension des Daseins bricht den Mechanismus der Gewinnmaximierung um seiner selbst Willen. Nur die spirituelle Dimension bewirkt, dass die Mittel Mittel bleiben und nicht zum Selbstzweck werden.

 

 

Dr. Reinhard Dörflinger
, Arzt und Mitglied im Vorstand von Ärzte ohne Grenzen Österreich
Thema: Humanitäre Nothilfe – mehr Bedarf durch die Wirtschaftskrise?

Die Leidtragenden der Globalisierung sind vor allem die Menschen der Entwicklungsländer. Daher müsse auch die Hilfe globalisiert werden. Beste medizinische Versorgung und Betreuung ist auch ein Anrecht der Bevölkerung der Entwicklungsländer. Ärzte ohne Grenzen ist hier tätig, sie hilft Menschen in Not, ohne Diskriminierung, neutral und unparteiisch und unter Wahrung ethischer Grundsätze. Die Mitarbeiter sind Freiwillige. 1971 wurde die Organisation gegründet, in etwa 60 Ländern betreut sie 9 Millionen Patienten. In Österreich hat Ärzte ohne Grenzen 100 Einsatzhelfer, trotz der Krise gibt es keinen Rücklauf der Spenden.

 



Marie-Luise Müller
, Präsidentin des Deutschen Pflegerates
Thema: Wirtschaftskrise – Auswirkungen auf die Pflege

Die Referentin sieht in der Krise einen höchst produktiven Zustand, man müsse ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen. Gerade auch für den Pflegeberuf bietet die Krise die Chance für eine entscheidende Neuorientierung. Die zukünftige Lage für die Pflege sei ohnehin grundsätzlich positiv zu sehen. Die pflegenden Angehörigen nehmen ab, der Pflegebedarf nimmt stark zu, neue Beschäftigungsfelder können besetzt werden. Entscheidend wird sein, dass die Dienstleistung „Pflege“ aufgewertet wird. Die Entwicklung würde nämlich von den Wohlfahrtseinrichtungen hin zur Gesundheitswirtschaft gehen. Wichtige soziale marktwirtschaftliche Prinzipien sind hier Preis, Qualität, Wettbewerb und Marketing. Und damit Hand in Hand geht die Neubewertung der Pflege. Die originären Pflegedaten bzw. Pflegeleistungen sind zu bewerten. Das Profil von Pflege gerade auch im Krankenhaus müsse deutlich verbessert werden. Der Anspruch der Bevölkerung an professionelle Pflege wird nämlich in Zukunft ein anderer sein. Das bedingt eine starke Veränderung des Berufsprofils. Handlungsfelder werden stark erweitert werden, viele Tätigkeiten, die bisher nur Ärzten vorbehalten sind, kann auch das Pflegepersonal ausführen wie etwa schon in Australien. Die Pflege könne sich hin zu einem „freien Beruf“ entwickeln. Die Pflege will primäre Leistungserbringerin werden und viele heilkundliche Tätigkeiten selbstständig und nicht auf ärztliche Anweisung durchführen. Das müsse ein gemeinsames Ziel von Pflege und Ärzten sein, des bringt speziellere Versorgung und Einsparung an Ressourcen. Die Krankenschwester soll „Gesundheitsschwester“ werden, gewünscht werden mehr „Gesundheitskunden“ und weniger Patienten.

 

Dr. Manfred Georg Krukemeyer
Thema: Zukunft des Gesundheitswesens. Ist eine weitere Rationierung im Krankenhaussektor notwendig?  Präsentation download

Die aktuelle Finanzkrise habe die Krankenhäuser in Deutschland noch nicht erreicht. Die aktuelle Situation im Krankenhaus erlebt derzeit ständig steigende Kosten, politische Forderungen zur Verlagerung von stationärer zu ambulanter Versorgung und einen veränderten Casemix durch vermehrte ambulante Eingriffe und kostenintensivere Patienten im stationären Sektor. Dazu kommt Überkapazität in Ballungsgebieten. Die voraussichtliche Auswirkung der Finanzkrise auf die Krankenhäuser durch höhere Arbeitslosigkeit 2010 wird bestehen in sinkenden Einnahmen der Sozialversicherungen. Die Krankenkassen werden in Deutschland die Ausgaben reduzieren, die Vergütung der Krankenhäuser werde stagnieren oder sinken. Aber auch in Krisenzeiten bleibt die Nachfrage im Gegensatz zu anderen Branchen stabil, Investitionen in neue, moderne Medizintechnik schafft weiteres Wachstum. Wichtig sei die Bündelung von Synergien in Krankenhausverbünden. In der freien Marktwirtschaft erfolgen Rationierungen über den Preis, dies kann für medizinische Leistungen nicht gelten. Derzeit sei in Deutschland aber die Entscheidung über Menge, Umfang und Verteilung von Leistungen schon voll im Gang. Die Finanzierung vor allem auch der High-Tech-Medizin sind Probleme, die in Zukunft gelöst werden müssen durch eine geglückte Balance zwischen Solidarität und Eigenverantwortung. Die Aufgaben der Zukunft werden sein: Sicherung des medizinischen Fortschritts und hoher Behandlungsqualität, Finanzierbarkeit und Zugang für alle zu innovativen Gesundheitsleistungen, Gleichgewicht von Solidarität und Eigenverantwortung und verstärkte Prävention.
 


Podiumsdiskussion

Teilnehmer:     Dr. Michael Heinisch, Geschäftsführer Vinzenz Gruppe, LAbg. Dr. Julia Röper-Kelmayr, Marie-Luise Müller, Dr. Georg Krukemeyer, Dr. Günter Jakobi, Geschäftsführer TAU.GRUPPE.VÖCKLABRUCK der Franziskanerinnen Vöcklabruck

Moderation: Dr. Johannes Jetschgo, Chefredakteur ORF OÖ

 

Forderung nach Abbau überbordender Krankenhausbürokratie

Die Vertreter der Ordenskrankenhäuser in Oberösterreich forderten einen strikten Abbau der überbordenden Bürokratie im Krankenhaus. Jene Kosten, die direkt dem Patienten dienen, sollen steigen, alle anderen sollen sinken. Betont wurde auch, dass das solidarische Bekenntnis im Gesundheitswesen auch in Zukunft erhalten bleiben muss. Grundsätzlich werde zwar der Gesundheitsmarkt erschwerter finanzierbar sein, umgekehrt ist er ein großer Jobmotor. Wichtig sei es, klug in das Gesundheitswesen zu investieren, das heißt in Qualität, Effizienz und Synergien zum Wohl der Patienten und Steuerzahler und in Menschlichkeit. Gerade Ordenskrankenhäuser sind nicht nur große Wirtschaftsunternehmen, deshalb müssen Werte zur Zielscheibe von Investitionen werden. Wichtig ist die Qualität weiter hoch zu halten, und zwar gleichermaßen für alle Patienten.

Weitere Informationen zum Kongress sowie Pressefotos auf Anfrage

Die Oö. Ordensspitäler danken ihren Partnern für die freundliche Unterstützung:
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