Univ.-Prof. Dr. med. Dr. phil. Eckhard Nagel, Bayreuth, Augsburg
Spitalsmedizin – Branche mit Potential? – Grenzen der Ökonomisierung
„In keinem Bereich unserer Lebenswirklichkeit wird Ungleichbehandlung so schwer akzeptiert, wie wenn es um Leib, Leben und Gesundheit geht“, so Nagel einleitend. Aufgrund von Umfragen in Deutschland ist die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem Gesundheitssystem in den letzten zehn Jahren zurückgegangen. Das Gesundheitswesen heute ist eine dynamische Wirtschaftsbranche mit Innovationskraft und erheblicher ökonomischer Bedeutung. In Österreich umfasst der Sektor „Gesundheits- und Sozialwesen“ ca. 324.000 unselbstständig Erwerbtätige. Der Gesundheitsmarkt ist ein regulierter Wachstumsmarkt. Es besteht die gesetzliche Verpflichtung eine angemessene Patientenversorgung anzubieten. Dieser Markt wird strukturiert durch Anreizsysteme, die finanziell kurzzeitig am schnellsten wirken.
In Deutschland haben 60 % der Kliniken einen deutlichen Investitionsbedarf „eine Notsituation“. Daher gibt es Diskussionen um Verkauf, da der Staat vielfach überfordert ist. Spitäler sehen sich zunehmend einem Kostendruck gegenüber, das werde sich auch in Zukunft nicht ändern. Die Konsequenz ist der Anstieg der Krankenhausbetten in privater Trägerschaft, das heißt auch Rückgang von öffentlichen und gemeinnützigen Trägern. In Deutschland beträgt der Anteil an Krankenanstalten in privater Trägerschaft 26 %, in Österreich 16 %. Nagel glaubt aber, dass in Deutschland die Privatisierungswelle abflachen werde. Nagel führte aber auch aus, dass mittelfristig in Deutschland ein Drittel der Krankenhäuser schließen oder zusammengelegt werden, weil sie der neuen Konkurrenzsituation nicht gewachsen sind. Daher dürfe die Politik die Krankenhäuser nicht dem freien Spiel der Wirtschaft überlassen. Denn die Gefahr ist dann: Kosten werden solidarisiert, Gewinne privatisiert. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch die politische Grundstimmung in der Bevölkerung, ob sie für oder gegen Privatisierung von Krankenhäusern ist.
Grundsätzlich sei die generelle Ökonomisierung der Medizin bedenklich. Aber es ist anzuerkennen, dass Krankenhäuser unbeschadet ihres humanitären Auftrags Wirtschaftsbetriebe sind. Die Konfrontation zwischen ökonomischen und medizinischen Perspektiven erschwert Zielfindung und einheitliches Vorgehen. Für viele Ärzte sind aktuelle ökonomische Anforderungen nicht mit dem ärztlichen Selbstverständnis vereinbar. Eine rein ökonomiezentrierte Umstrukturierung ist problematisch, weil etwa die Kommunikation mit Patienten aus Zeitbeschränkungen zurückgeschraubt wird. Und weil sie auch die Mitarbeiter stark belastet. „Das Lachen wird aus den Gesichtern der Mitarbeiter verschwinden. Und es fehlt langsam die Zeit für Barmherzigkeit.“ Rein betriebswirtschaftliche Modelle, die die Besonderheiten der Gesundheitsökonomie nicht berücksichtigen, sind obsolet und ein intaktes Gesundheitssystem ist Eckpfeiler der Demokratie. Rationalisierung als vernunftbezogene Optimierung kann als ethische Verpflichtung gesehen werden. Das Krankenhaus ist ein gutes Paradigma, um Wertentwicklung und Umsetzung in einer Gesellschaft darzustellen.
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