Ruth Baumann-Hölzle
Wertewandel in der Medizin – ethische Perspektiven
Die Referentin zeichnet die Paradigmenwechsel innerhalb der medizin-ethischen Entscheidungsfindungen nach und stellt das Wertemodell einer integrativen Verantwortungsethik im medizinischen und pflegerischen Alltag vor.
In der Praxis von Medizin und Pflege werden täglich höchst komplexe Entscheide gefällt mit schwerwiegenden Konsequenzen für Patienten, deren Bezugspersonen, aber auch für die Behandelnden. Die Komplexität der Entscheide entsteht zum einen durch den medizintechnischen Fortschritt, der in der Patientensituation verschiedene Handlungsmöglichkeiten eröffnet und dadurch zur Auswahl zwingt. Zum anderen herrscht in einer pluralistischen Gesellschaft eine Wertevielfalt, die unterschiedliche Entscheide zur Folge hat. In der Praxis von Medizin und Pflege begegnen sich deshalb Menschen mit unterschiedlichen Lebens- und Krankheitserfahrungen, Lebenswelten und Lebensentwürfen, für die sie Wahrheit und Gültigkeit beanspruchen. Die Autonomieorientierung und die Wertepluralität sind eine Folge der Moderne. So entstehen ethische Dilemma-Situationen und Wertekonflikte zwischen den Menschen und in ihnen selbst. In der integrativen Verantwortungsethik hat der Würde- und Autonomieanspruch eine Sonderstellung, diese ist durch die besondere Verletzlichkeit des Patienten gerechtfertigt. Ethik in Medizin und Pflege kann nicht auf Lebenserhaltung, Leidlinderung und Autonomie des Patienten beschränkt sein, sondern muss durch Ansprüche der Patienten auf Behandlung und Betreuung zugunsten ihres psychischen und physischen Wohls ergänzt werden. Dieses „Wohltun“ ist Teil der christlichen Spitalstradition. In der zunehmenden Ökonomisierung des Gesundheitswesens besteht jedoch die Gefahr, dass medizin-ethische Entscheidungsfindungen durch einseitig ökonomische Zielsetzungen bestimmt werden. Dabei stehen sowohl die Verteilungs- als auch die Solidargerechtigkeit auf dem Spiel.
Dr. theol. Ruth Baumann-Hölzle – Mitbegründerin und Leiterin des Interdisziplinären Instituts für Ethik im Gesundheitswesen, Dialog Ethik in Zürich. Die katholische Theologin hat über Human-Gentechnologie dissertiert. Ihr Forschungsschwerpunkt, der sie auch an die Harvard University und an das Hastings Institute in New York brachte, ist die angewandte klinische Ethik. Die Autorin zahlreicher Publikationen ist Mitglied der nationalen Ethikkommission in der Schweiz. |