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Karl-Heinz Wehkamp

Wertekonfusion:
Medizin – Gesundheitssystem – Gesundheitswirtschaft
 

Unbestritten hat die wissenschaftliche und technische Entwicklung in der Medizin einen Stand erreicht, der es unmöglich macht, deren Kosten durchgängig durch Zwangsabgaben (Steuern, Kassenbeiträge) aufzubringen. Immer häufiger also die Forderung: „Sorge dich selbst um deine Gesundheit“. Unter den verschiedenen Lösungsvorschlägen profiliert sich das Konzept Gesundheitswirtschaft am klarsten und effektivsten. Statt Gesundheitswesen und Gesundheitssystem drängt Gesundheitswirtschaft in den Vordergrund, Gesundheitsmärkte überlagern mit ihrem übernationalen Charakter die bisher durch nationale Politik gesteuerten Gesundheitssysteme. Die Attraktivität privatwirtschaftlicher Konzepte verdankt sie auch den Schwächen bisheriger staatlicher Lösungsversuche, denn diese setzen überwiegend auf Rationalisierung. Die Gesundheitswirtschaft ist jedenfalls der „rising star“. Ein Gesundheitssystem müsste geführt durch staatliche Gesundheitspolitik eine gute Medizin zu zahlbaren Preisen anbieten. Eine Gesundheitspolitik muss sorgen für eine faire und gerechte Gesundheit für alle. Es geht nicht wie in der Gesundheitswirtschaft primär um Profit und Verzinsung. Die Bevölkerung muss erwarten können, dass Medizin ehrlich ist. Der Referent stellte einen Wertewandel im Gesundheitssystem fest, weil Prinzipien der Gleichheit immer mehr überdacht werden. Durch diese Verwischung kommt es zu einer Wertekonfusion. Medizin verfolgt andere Ziele als die Gesundheitswirtschaft, ist kein Industriezweig, ist kollektives Kulturleben der Menschheit und verfügt über einen moralischen Kern, der für das Vertrauen der Bevölkerung unerlässlich ist.
 

Univ.-Prof. Dr. rer.pol. Dr. med. Karl-Heinz Wehkamp – Gesundheitswissenschaften/Public Health an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Gynäkologe und Psychotherapeut. Psychosomatische, sozialmedizinische und Ethik-Forschung an der Universität Göttingen. Direktor des Sozialmed. Psych. Instituts Hannover. Gründungsdirektor Zentrum für Gesundheitsethik Hannover. Mitglied der Akademie für Ethik in der Medizin, Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und European Society for Philosophy of Medicine and Healthcare.