DAS KRANKENHAUS ALS SPIEGEL DER GESELLSCHAFT

17. Internationaler Kongress der Oö. Ordensspitäler
Mittwoch, 16. Oktober 2019
Design Center Linz

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Landeshauptmann Mag. Thomas Stelzer Sr. Barbara Lehner Bischofsvikar Dr. Johann Hintermaier

Bestens besucht war der 17. Internationale Kongresse der Oö. Ordensspitäler am 16. Oktober im Linzer Design Center.
Grußworte sprachen Landeshauptmann Mag. Thomas Stelzer, Sr. Barbara Lehner, Generaloberin der Elisabethinen und Bischofsvikar Dr. Johann Hintermaier.


Dr. Bernd Hufnagl Dr. Bernd Hufnagl

„Arbeitsprozesse sind optimierbar, Menschen nicht! –
Das Krankenhaus als Spiegel der Gesellschaft“

Prof. Dr. (TR) Dr. phil. et med. habil. Ilhan Ilkilic Prof. Dr. (TR) Dr. phil. et med. habil. Ilhan Ilkilic

„Interkulturalität und Ethik im Krankenhaus“

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Prof. Dr. Sr. Margareta Gruber OSF Prof. Dr. Sr. Margareta Gruber OSF

„Zusammenleben der Religionen – eine Utopie?
Impulse aus dem Geist des heiligen Franziskus von Assisi“

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DGKS Mag. Aloisia Angermair, BSc DGKS Mag. Aloisia Angermair, BSc

„Menschen mit Demenz im Krankenhaus“

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Prof. Diplom Kommunikationswirtin Corinna Mühlhausen Prof. Diplom Kommunikationswirtin Corinna Mühlhausen

„Selbstoptimierung in der Gesundheitswelt der Zukunft:
Vom Hype zum gesellschaftlichen Megatrend“

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Die heutige Gesellschaft ist nicht mehr eindimensional, sie verändert sich stark, die Arbeitswelt ist fragmentiert, Bedürfnisse und Erwartungen werden andere, auch die der PatientInnen und MitarbeiterInnen, geändert haben sich auch die Wertorientierungen. Die Gesellschaft spiegelt sich im Spital wie unter einem Brennglas wider. Das Spital spiegelt aber auch in die Gesellschaft zurück.

Die Menschen von heute haben vielfach ein Multioptionsproblem, sie können aus unzähligen Möglichkeiten auswählen, das ist grundsätzlich gut, hat aber negative Begleiterscheinungen. Der Mensch wird verunsichert, mit seinen Entscheidungen unzufrieden, sieht verstärkt das, was er nicht mag. Die digitalisierte Überflutung als weiteres Phänomen der modernen Gesellschaft reduziert die Aufmerksamkeit, Hyperaktivität gepaart mit Egoismus und Aggressivität und Abnahme der Empathiefähigkeit ist die Folge. Im Gegenzug nimmt die Selbstoptimierung der Menschen zu, viel Geld wird ausgegeben, um gesund, fit, leistungsfähig und schön zu bleiben oder zu werden. Der wichtigste Treiber hinter der Selbstoptimierung ist erstaunlicherweise die Hoffnung auf Glück. 43 Prozent derer, die etwas für ihre Gesundheit tun, tun dies eigentlich, um glücklich zu sein. Hinter der zunehmenden Individualisierung des Menschen von heute steht aber die Sehnsucht nach dem Wir. Werte werden wieder wichtig, fast so wichtig wie die Qualität einer Leistung. Der ethische Konnex ist dabei entscheidend. Im deutschen Werteindex 2018 stehen auf den ersten drei Plätzen Natur, Gesundheit, Familie. Das Streben nach Erfolg verliert an Bedeutung, ein Fünftel der Deutschen will weniger arbeiten. In einer neuen deutschen Milieuforschung wurden 28 verschiedene Zielgruppen (junge Aufstiegsorientierte, verantwortungsvolles Bürgertum, individualistisch progressive Performer) ermittelt, 15 dieser Milieumodelle kümmern sich explizit um Selbstoptimierung, sind also besonders spannend für das Gesundheitswesen. Trotz der Unterschiedlichkeit ihrer Erwartungen und Wünsche ist für alle eine Balance von Körper, Geist, Seele, Zufriedenheit und glücklich sein außerordentlich wichtig. Dabei ist der wichtigste Vertraute und Ansprechpartner in allen Gesundheitsfragen der Arzt, 70 Prozent vertrauen ihm, Tendenz steigend, „Dr. Google“ nur 8 Prozent.

Die Sehnsucht nach Ruhe, Muße, nach Ruheräumen, Auszeiten und mehr Zeit für sich nimmt zu. Für den Einzelnen gelingt das, wenn er Abstand gewinnt, wenn er „ineffizient“ sein kann, sinnieren kann (nicht grübeln!) und eine Außenperspektive auf sein Leben bekommt. Jeder Mensch braucht „Belohnungsmomente“, er will unmittelbar erkennen, was er geleistet hat. Das Krankenhaus als Organisation sollte dem entsprechen. Sollte Arbeitswelten ermöglichen, aus denen die MitarbeiterInnen zufrieden nach Hause gehen können. Ärzte und Pflegende müssen zu sich finden, um besser bei den anderen sein zu können, zuhören können, statt nur anzuhören. Der Mensch, der nur noch funktioniert, verliert die gerade für den Umgang mit PatientInnen so entscheidend wichtige Empathie. Das Gesundheitswesen und die dort Beschäftigten müssen aber auch verstärkt eingehen auf die verschiedenen Milieugruppen der PatientInnen, diese dürfen nicht stereotypisierend behandelt werden. Ärzte müssen sich verstärkt bewusst werden, das ihnen entgegengebrachte Vertrauen zu rechtfertigen.

Gerade Ordensspitäler haben durch ihre besondere Wertorientierung und ihr christliches Fundament die Voraussetzung, Antworten auf die zunehmenden „neuen Sehnsüchte“ der Menschen zu geben.

Neue Herausforderungen für das Krankenhauswesen sind auch die an Demenz Erkrankten, in Österreich derzeit ca. 130.000. Krankenhäuser und die dort Beschäftigten sind mit Demenz häufig überfordert, geben den PatientInnen nicht die genügende Beachtung, Demenz ist oft nur eine „Nebendiagnose“. Ebenfalls überfordert sind dann PatientInnen und Familienangehörige. Wichtig ist daher, strukturelle Maßnahmen in einem Spital zu setzen, um Menschen mit Demenz gerecht zu werden, es muss auch auf das Milieu des Patienten eingegangen werden. Die Tiroler Kliniken haben ein spezielles Konzept entwickelt, um MitarbeiterInnen zu sensibilisieren, zu schulen, die Familienangehörigen zu unterstützen, die individuelle Betreuung von PatientInnen zu forcieren und eine Zusammenarbeit und Vernetzung nach innen und außen zu installieren. Wichtig ist, dass eine spezielle Kommunikation mit Demenzpatienten stattfindet, sie erleben viel zu oft, dass über sie gesprochen wird, anstatt dass mit ihnen geredet wird. Die PatientInnen müssen miteinbezogen werden, auch Validation kann hier viel bewirken. Demenz braucht Kompetenz, braucht sowohl im Alltag als auch im Krankenhaus Menschen, die gut begleiten. Demenzpatienten muss respektvoll und würdevoll begegnet werden, sie sollen ihr Leben selbstbestimmt und gleichberechtigt gestalten können.

Ähnliches gilt für die Interkulturalität und Interreligiosität in der Gesellschaft und im Spital. Ein Viertel der österreichischen Bevölkerung hat Migrationshintergrund, das ist gesellschaftliche Realität. Dem interkulturellen Arzt/Pflege/Seelsorge/Patient-Verhältnis kommt dabei große Bedeutung zu. Menschen jeder Hautfarbe, jedes Glaubens und jeder Kultur sind mit der gleichen Würde und Respekt zu behandeln. Schwierigkeiten entstehen häufig aus dem Nichtwissen, was der andere will, was ihm wichtig ist. Interkulturelle Probleme sind vielfältig, besonders auch im Spital: schwierige Kommunikation, andere Hygienevorstellungen, Riten, Speisevorschriften, unterschiedliche moralische Vorstellungen, kulturelle Barrieren, religiöse Grundpflichten, andere Wertvorstellungen. Daher ist mehr Aufklärung, mehr Sensibilität, mehr Hinhören, interkulturelle Kompetenz, Kulturwissen und Selbstreflexion für eine gelungene Kommunikation und Abbau von Vorurteilen notwendig. Jeder Patient ist als Individuum, nicht als Mitglied seiner sozialen, kulturellen und religiösen Gruppe zu sehen. Ordensspitäler sind interkulturell kompetent, sehen den Menschen in seiner Gesamtheit als Ebenbild Gottes.

Dem religiösen Aspekt des Zusammenlebens in der Gesellschaft kommt zunehmend Bedeutung zu. Spiritualität ist nachgefragt, ist so etwas wie das „Grundwasser“ von Wertvorstellungen und Haltungen. Voraussetzung ist, dass die Kommunikation mit anderen Religionen gelingt. Der wahre Dialog ist der der Barmherzigkeit. Religionsdialog ist nicht oberflächlicher Relativismus. Eine Haltung des aufmerksamen Hinhörens auf die Vertreter der anderen Religionen ist Voraussetzung für gute Kommunikation, der andere muss als Gast in seinem eigenen religiösen Raum aufgenommen werden. Respekt vor der religiösen Identität des anderen ist die Grundlage jeder religiösen Begegnung bei allen Unterschieden, die natürlich klar benannt werden müssen. Der Glaube muss Lebensglaube sein, er ist nicht nur Glaubensbekenntnis zu einer Religion, sondern es ist eine Haltung dem Leben gegenüber, die dem Bösen widersteht und Leben zusammenführt. Dem alleinigen guten Gott gehört alles Gute. Das Gute gehört nicht uns, auch nicht einer Religionsgemeinschaft. Gerade Ordensleute haben immer schon sehr wertvolle interreligiöse Dialoge geführt, der hl. Franz von Assisi in besonderer Weise mit dem Islam. Es braucht viel Aufmerksamkeit, es braucht den Willen Grenzen überschreiten zu wollen, es braucht die Erfahrung statt der Vorurteile. Nach dem hl. Franz von Assisi ist die brüderliche Haltung des Dienens der Ursprung eines Zusammenlebens in Respekt und Freundschaft mit Andersgläubigen. Oder wie Papst Franziskus sagt: Achten und lieben wir einander als Brüder und Schwestern und arbeiten wir gemeinsam an Gerechtigkeit und Frieden.

So wird auch der interreligiöse Dialog und der gegenseitige Respekt in Würde in einem Krankenhaus Wirklichkeit werden.

 


Fotos: Wolfgang Simlinger

 

Weitere Informationen zum Kongress sowie Pressefotos auf Anfrage

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