REFORM ODER TRANSFORMATION –
Wandel im Gesundheitswesen?

11. Internationaler Kongress der OÖ. Ordensspitäler
Donnerstag, 7. November 2013
Design Center Linz

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Bestens besucht war der 11. Internationale Kongresse der OÖ. Ordensspitäler am 7. November im Linzer Design Center. Sr. Cordula Kreinecker, Generaloberin der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul, konnte Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer, Generalvikar Prof. DDr. Mag. Severin Lederhilger OPraem, Sr. Cordis Feuerstein, stellvertretende Vorsitzende der ARGE der Ordensspitäler und Dr. Roland Siegrist, Präsident der Diakonie Österreich, begrüßen.

Sr. Cordula ersucht in ihrer Begrüßung, dass die Trägervielfalt in Oberösterreich bestehen bleibt und die Ordensspitäler in Entscheidungen mit einbezogen werden.

In seinen Grußworten wies Generalvikar Lederhilger darauf hin, dass der Mensch mit seinen unveräußerlichen Werten immer im Mittelpunkt stehen muss.

Landeshauptmann Dr. Pühringer führte aus, dass laut einer neuesten Umfrage die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem oö. Gesundheitswesen und den Spitälern sehr groß ist, er bekannte sich auch zur Trägervielfalt und lobte die Spitalsreform als wichtigen und gelungenen Ansatz, um auch in Zukunft eine gute Gesundheitsversorgungn anbieten zu können.

Kreinecker

Lederhilger

Pühringer

LoewitGünther Loewit, Österreich

Wieviel Medizin überlebt der Mensch?

Weniger Patienten ist ein Hauptziel des Referenten. Der Medizin komme, so Loewit, heute fast religiöse Bedeutung zu. Es gibt ein großes Bedarfsdenken seitens der Bevölkerung und oft auch ein Übermaß an Behandlungen und Eingriffen. Vielfach werden durch starke Propagierung der Vorsorgeuntersuchungen insofern „Kranke“ geschaffen, weil bei den Menschen das Gefühl erzeugt wird, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Der Referent kritisierte das Zuviel an nicht notwendigen Untersuchungen und Behandlungen von der Schwangerschaft bis zum Tod. Es müsse ein Weg gefunden werden, die Elektrifizierung und Bürokratie in der Medizin wieder zu reduzieren. Ziel muss es sein, wieder mehr Behandlung im eigentlichen Sinn anzubieten. Schuld an diesen Zuständen sei stark auch die Pharmaindustrie, obwohl die Vorteile moderner Medikamente unbestritten sind. Das Krankenbehandlungssystem, wie man es nennen müsste, mache schon dadurch krank, dass man permanent neue Kranke sucht. Es sei jederzeit möglich, neue Erkrankte zu bekommen, indem etwa von der Wissenschaft die Soll-Werte gesenkt werden, etwa beim Blutzuckerspiegel. So werden jährlich in Deutschland Tabletten im Wert von 13 Milliarden Euro vor der Verwendung weggeworfen. Auch die Übermedikation gerade bei Älteren kritisierte Loewit. Es ist gegen die Menschenwürde, etwa Menschen am Lebensende hauptsächlich medizinische Betreuung angedeihen zu lassen statt ihnen mit Empathie zu begegnen, der Tod müsse angenommen werden. Fazit: Das Gesundheitssystem muss nicht immer teuerer werden und die Menschen dabei immer kränker und unglücklicher. Wir schauen, so der Referent, zu wenig auf die Lebensqualität und zu viel auf die Lebenserwartung in Jahren gemessen.


BusseReinhard Busse, Deutschland

Europäische Gesundheitssysteme: Herausforderungen und Wandel im Vergleich

Bei den Gesundheitssystemen gibt es europaweit extreme Unterschiede, obwohl sich die Systeme nicht drastisch unterscheiden. Bei vielen Krankheiten müsse man in ein hochspezifisches Krankenhaus gehen, die Patienten sollten schon vor der Krankenhausaufnahme in vielen Fällen so weit behandelt werden, dass ein Krankenhausaufenthalt gar nicht notwendig ist. Österreich ist hier international führend, so der Referent, es hat nämlich einen übergroßen stationären Sektor im Vergleich zum Durchschnitt von 15 EU-Ländern. In anderen Ländern sind in den letzten Jahren auch mehr Betten abgebaut worden als in Österreich. Etwa 1,6 bis 1,8 Tage ist ein Österreicher im Schnitt pro Jahr im Spital. Die Niederländer nur 0,6 Tage. Bei Hüft- und Kniegelenksersatz ist Österreich ebenfalls mit Deutschland und der Schweiz führend, in Schweden gibt es hier 40% weniger derartige Eingriffe. Auch in anderen medizinischen Bereichen gibt es ähnliche Tendenzen. Österreich hat bei relativ hohen Ausgaben im Gesundheitswesen nur durchschnittliche Ergebnisse. Ganz vorne ist Österreich hingegen bei der Zufriedenheit der Patienten mit dem Gesundheitssystem. Als Lösungsansätze nennt Busse: bessere Bündelung bei der Behandlung hochkomplexer Erkrankungen, wobei die Tendenz zum Hochleistungskrankenhaus unabdingbar ist; genaue Abklärung, welche Erkrankungen überhaupt in einem Spital behandelt werden sollen oder müssen; dem Facharztmangel am Land begegnen, um die hohen Aufnahmezahlen in den Notfallambulanzen zu reduzieren; weniger Einsätze teurer und oft nicht notwendiger medizinischer Hochtechnologie. Und vor allem braucht es eine ehrliche Diskussion. Man müsse jedenfalls in Österreich schauen, ob man nicht weniger Krankenhauskapazität gemessen an Betten hat, aber mit gleichviel Ärzten und Pflegepersonal wie bisher, die dafür dann besser die dann geringere Zahl an Patienten behandeln können.
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KanakisNikitas Kanakis, Griechenland

Transformation oder Exklusion?
Der Fall der neuen Armen in Südeuropa und speziell in Griechenland

Der griechische Zahnarzt zeichnete ein düsteres Bild der sozialen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und gesundheitlichen Lage Griechenlands. Dort geht es nicht um Reform oder Transformation im Gesundheitswesen, sondern schlicht um die Frage, ob das Gesundheitssystem kollabiert oder nicht. Minus 40% weniger vom BIP werden pro Jahr seit 2010 ins Gesundheitswesen gesteckt, 40% der Menschen haben keinen Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem. Wer ein Jahr arbeitslos ist, verliert alle Ansprüche aus der Sozialversicherung, obwohl vorher viele Jahre oder Jahrzehnte eingezahlt wurde. Es gibt vielfach überhaupt keine Behandlungen, keine Impfungen für Kinder, keine vorgeburtliche Betreuung oder Zugänge in ein Spital. Und wenn, dann oft nur gegen direkte Bezahlung, eine normale Geburt kostet etwa 800 Euro. Viele Griechen können daher gar nicht mehr ins Spital gehen. Medizinische Versorgung, so der Referent, ist aber ein Menschenrecht, die derzeitige Situation im griechischen Gesundheitswesen ist absolut unfair und ungerecht. Die Krankenhäuser müssen immer noch ihre Ausgaben reduzieren, weil ihre Budgets gekürzt werden. Der Referent sieht auch die Gefahr, dass das, was jetzt in Griechenland und anderen südeuropäischen Ländern passiert, auch im übrigen Europa, wenn evtl. auch abgeschwächt, passieren könnte, wenn weiterhin nur die Ökonomie, die Wirtschaft und die Logistik bestimmen, wie ein Gesundheits- und Sozialwesen auszusehen hat. Wichtig ist daher europäische Solidarität, Solidarität auch mit Griechenland. Die Lösung dieser Probleme dürfe jedenfalls nicht allein den Wirschaftlern überlassen werden, verstärkt müssten auch Ärzte mitreden können. Wir brauchen Barmherzigkeit in Europa, so der abschließende Appell von Niktas Kanakis.
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LeijonMatti Leijon, Schweden

Das Schwedische Modell – Gesundheitspolitik auf regionaler und lokaler Ebene

Musterschüler Schweden hat mit eine der höchsten Lebenserwartungen und der niedrigsten Kindersterblichkeit weltweit. Diesen Positiva stehen aber auch in Schweden Ungerechtigkeiten im Gesundheitswesen gegenüber, was sich etwa in einem Unterschied von acht Jahren in der Lebenserwartung in der schwedischen Bevölkerung ausdrückt. In Schweden steht bei der Gesundheitspolitik die Frage der Gerechtigkeit im Gesundheitswesen stark im Mittelpunkt. Denn die in einer Gesellschaft ohnehin schon Benachteiligten dürften nicht noch einmal durch ungleiche Zugänge zu Gesundheitsleistungen benachteiligt werden. Das Gesundheitswesen wird in Schweden sehr stark durch die Regionen organisiert. Es gibt ein sehr gut entwickeltes System der Primärversorgung, gute Krankenhäuser, eine gute Betreuung von älteren Menschen in den Gemeinden. Wichtig sind im schwedischen Gesundheitswesen verschiedene Netzwerke und Kooperationen zur Gesundheitsförderung und -bildung. Auch diese sind sehr stark regional angesiedelt. Auch 70 bis 80% der schwedischen Spitäler nehmen an solchen Gesundheitsnetzwerken teil. Auf regionaler Ebene gibt es dann auch noch den Rat für Gesundheitsgleichheit. In Schweden werden aber die direkten Gesundheitsleistungen nur als relativ kleiner Teil des Gesundheitswesens insgesamt gesehen. Ganz viel Wert wird deshalb gelegt auf nachhaltige Verbesserung des sozialen Umfeldes, der Bildung, der ökonomischen Situation und der Primärprävention des Lebensstils beim Einzelnen. Strategien zu Umsetzungen werden aufgezeigt und auch auf ihre Effektivität hin überprüft. Dazu ist aber auch viel Forschungsarbeit notwendig. Denn soziale, finanzielle, bildungsmäßige, kulturelle Ungleichheiten bedingen in der Folge ein sehr hohes Risiko für Erkrankungen. Gesundheitspolitik beginnt in Schweden schon, bevor Erkrankungen auftreten.
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BaumannKlaus Baumann, Deutschland

Wie kann „caritas“ systemisch werden?
Zu einer zentralen Herausforderung an kirchliche Einrichtungen im Gesundheitssystem

Glaubhaft ist nur Liebe. Gerade für kirchliche Einrichtungen gilt diese Kurzformel, so der Referent. Denn Christus hat sich fortwährend der Welt des menschlichen Leidens zugewandt. Die dienende Liebe an den Kranken steht im Mittelpunkt, vor allem auch in kirchlichen Spitälern. Caritas (Agape) muss systemisch auf allen Ebenen der Kirche wirksam werden, es ist dies eine Sendung im Dienst der Liebe. Die Liebe ist der Hauptweg der Soziallehre der Kirche in Mikro- und Makrobeziehungen. Liebe ist auch wichtig in der Orientierung in der moralischen Verantwortung. Daher müsse Liebe auch Platz greifen in der Öffentlichkeit, vor allem auch im Wirtschaftsleben. Liebe ist Voraussetzung für gelingendes gesellschaftliches Zusammenleben. Transformation im Gesundheitswesen hat daher so zu sein, dass dem Patienten immer mehr gerecht wird. Zentrale Herausforderungen für kirchliche Gesundheits- und Krankendienste sind einerseits die berufliche Kompetenz als erste grundlegende Notwendigkeit und immer dazu die Zuwendung des Herzens, die menschliche Güte muss spürbar sein. Beides ist ineinander verwoben, daher kann Liebe nicht berufliche Kompetenz ersetzen. In christlichen Einrichtungen kommt dem Leitungspersonal eine herausragende Bedeutung zu. Es hat große Verantwortung für die katholische Identität. Ökonomie hat hohe Bedeutung, aber sie muss immer auch dem Menschen dienen. Ein gutes Krankenhaus muss eine gesunde Organisation sein. Die Merkmale dafür sind ein Minimum an innerbetrieblicher Politik, minimale Verwirrung, geringe Fluktuation und starke Leistung. Und vier Aufgaben für organisationelle Gesundheit sind besonders wichtig: Klarheit muss geschaffen werden, Klarheit muss überkommuniziert werden, Klarheit muss belohnt und verstärkt werden, es darf keine Doppelbotschaften geben. Fazit: Sendung im Dienst der Liebe heilt an Seele und Leib. Das ist der systemische Auftrag auch speziell für Ordensspitäler. Fachliche Professionalität verbunden mit Caritas müsse auf allen Ebenen eines Ordensspitals anzutreffen sein.


SchulmeisterStephan Schulmeister, Österreich

Geld oder Leben –
wie der Finanzkapitalismus den Sozialstaat ruiniert und was wir dagegen tun können

Das Beispiel Griechenland zeigt, wie ein Sozialstaat ruiniert werden kann. Und das hängt primär mit der globalen kapitalistischen Spielanordnung der Marktwirtschaft zusammen. Denn auch global nehmen Armut und Ausgrenzung zu, der soziale Zusammenhalt schwindet, auch innerhalb Europas. Schulmeisters Grundthese lautet: Die Hauptursache für die Misere liegt in einer langsamen Systemänderung der vergangenen Jahrzehnte hin zu einer immer stärkeren neoliberalen Wirtschaft. Das Gewinnstreben konzentriert sich zusehends auf Finanzspekulation. So kann aber eine Gesellschaft nicht reicher werden, da hier Vermögen nur umverteilt wird. Die wichtigsten Ursachen für die Misere sind systemischer Natur, da man sich immer stärker am Grundsatz orientiert „Lassen wir unser Geld arbeiten“. Das ist aber letztlich ein selbstzerstörerischer Prozess, der in den nächsten Jahren in eine wirtschaftliche Depression führt, warnt Schulmeister. Der Grund für die Krise ist die Liebe zum Geld nach Keynes eine Krankheit auf finanzieller und gesellschaftlicher Ebene. Durch immer zunehmendere Spekulationen wird die soziale Marktwirtschaft immer mehr gefährdet. Die Aussage „Der Sozialstaat ist zu teuer“, ist daher laut Schulmeister ein völlig falscher Ansatz. Die Entfesselung der Finanzmärkte ist nämlich die entscheidende Ursache für den zunehmenden Abbau des Sozialstaates. Die Forderung der Staat solle sich immer mehr zurückziehen aus dem Sozialwesen ist absolut unrichtig. Im Neoliberalismus setzt man nämlich auf Selbstregelung, etwa bei Aktienmärkten oder am Arbeitsmarkt, was aber nicht funktioniert. Denn das System der neoliberalen Wirtschaft bietet hier keine Lösungen an. Es besteht aus spekulativen Schüben, etwa bei Aktienmärkten, die heute freiesten neoliberalen Märkte produzieren ganz im Gegenteil nur manisch-depressive Schwankungen. Gewettet und spekuliert wird wie im Fall Griechenland jetzt schon gegen ganze Staaten. So wird aber die Krise nur noch vertieft. Dies bringt eine Spaltung Europas und eine Spaltung innerhalb der Gesellschaften der einzelnen Staaten, soziale Verelendung ist die Folge. Reine Sparpolitik hilft hier gar nicht, ganz im Gegenteil. Am meisten ist die Staatsverschuldung jetzt dort gestiegen, wo am meisten gespart wird. Fazit: Unbedingt notwendig ist daher eine Systemänderung. Eine Umkehr ist erforderlich, um aus dieser Sackgasse zu entkommen. Vor allem die Eliten müssten umdenken mit dem Ziel eines sozialen Europas, was ja auch der europäischen Identität entspricht. Notwendig sei, so Schulmeister, dafür auch eine anteilnehmende Politik, die Spielanordnung müsste geändert werden, eine neue Weichenstellung ist notwendig.
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