Ordensspitäler  |  Ausbildung  |  Geschäftsstelle  |  Leitbild  |  Aktuelles  |  Patienteninfos  |  Links  |  Kontakt/Impressum  |  Sitemap  |  Home
< zurück  
 

 



TRANSPARENZ IM GESUNDHEITSWESEN –
zwischen gläsernen Menschen und undurchsichtigen Strukturen

9. Internationaler Kongress der OÖ. Ordensspitäler
Mittwoch, 9. November 2011
Design Center Linz

 

zur Fotogalerie »

Die Eröffnung des 9. Internationalen Kongresses der OÖ. Ordensspitäler nahm Pater Prior Engelbert W. Raab vom Konventhospital der Barmherzigen Brüder Linz vor, er konnte wieder zahlreiche Gäste begrüßen. Grußworte sprachen Dr. Helmut Obermayr, Landesdirektor des ORF OÖ, in Vertretung von Diözesanbischof Dr. Ludwig Schwarz Bischofsvikar Maximilian Mittendorfer, Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer und Bundesminister für Gesundheit Alois Stöger.

 

Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann

Transparenz. Über gläserne Menschen, durchsichtige Organisationen und Verdunkelungsgefahren

Der Ruf nach Transparenz ist heute überall vernehmbar. Das deutet aber laut Prof. Liessmann hin auf eine Vertrauenskrise, und zwar in zunehmendem Maße. Denn erst wenn Vertrauen verschwindet, steigt der Ruf nach Transparenz. Es geht also grundsätzlich um Vertrauensbasis. „Die Weisheit zieht der Erkenntnis Grenzen“, zitiert der Referent den Philosophen Nietzsche. Transparenz bedeutet nämlich nicht rückhaltlose Offenheit in allen Lebenslagen und erzwungene Entblößung. Transparenz darf nicht zum „Nacktscanner“ werden. Transparenz ist aber auch eine Stilfrage, es geht hier um den guten Geschmack, nicht alles soll durchsichtig gemacht, durchleuchtet werden. Vertrauen bedeutet immer auch Risiko, ohne Risiko aber keine Freiheit. Denn das persönliche Geheimnis ist eine der größten „Errungenschaften“ der Menschen. Transparenz hat also mit Entblößung zu tun, hat aber auch das gute Ideal der Durchsichtigkeit. Prinzipielle Transparenz vor allem bei sozialen Systemen kann kontraproduktiv sein, denn das hieße ja ständig unter Beobachtung stehen. Wobei zu unterscheiden ist zwischen öffentlichem Bereich und Privatheit. Im öffentlichen Bereich muss Transparenz gewährleistet sein, im privaten muss Nicht-Durchsichtigkeit gegeben sein. Die Trennung zwischen diesen beiden Bereichen ist heute oft sehr verschwimmend oder gar nicht mehr gegeben. Die vollkommen transparente Gesellschaft wäre jedenfalls eine total inhumane, kontrollierte Gesellschaft.
Es geht also um das spannende Verhältnis zwischen Vertrauen und Kontrolle. Das Verhältnis von Arzt – Patient ist ein sehr individuelles, es ist dem Patienten als mündigem Bürger möglich, selbst zu entscheiden, wie viel er dem Arzt sagen will. Beim „gläsernen Patienten“ steht prinzipiell die Situation des Patienten offen, er ist da in einem neuen, nicht mehr individuellen Verhältnis. Daraus ergibt sich die große Frage, wer aller Zugriffe auf die persönlichen Daten der Patienten haben darf, wer wirklich ein legitimes Interesse am Gesundheitszustand der Menschen hat, und das geht weit hinaus über ein rein medizinisches Problem.

 

Prof. Dr. med. David Klemperer

Transparenz – notwendige Bedingung für eine gute Medizin

Patienten vertrauen „ihrem“ Arzt, aber nicht unbedingt der Ärzteschaft. Transparenz ist grundsätzlich notwendige Voraussetzung, dass Medizin gut wird, sie ist entscheidend wichtig für gute Behandlungsentscheidungen. Die Patienten müssen die Gelegenheit haben, auf Grundlage von Evidenz und individueller Präferenz entscheiden zu können. Entscheidend ist also eine individualisierte Medizin. Es geht dabei um die vom Patienten selbst erlebte Lebensqualität, die Subjektivität des Patienten muss immer mit einbezogen werden. Der Patient muss klären können, was ihm wichtig ist und was ihm nicht wichtig ist. Wichtig dabei ist die informierte Entscheidung. In der Praxis gibt es hier oft eine tiefe Kluft zwischen Expertenkonsens und Patientenpräferenz. Medizinisch-ärztliche Indikation ist oft nicht deckungsgleich mit dem Wunsch des Patienten. Dem Patienten medizinisch etwas angedeihen zu lassen, was er nicht will, ist schlechte Medizin. Fazit: zweifeln und hinterfragen kann für den Patienten ausgesprochen gesund sein.

Präsentation zum Download »

 

emer. Univ.-Prof. DDr. Paul M. Zulehner

Der Mensch – ein unauslotbares Geheimnis. Von den unüberwindlichen Grenzen der Transparenz

Der Referent näherte sich der Thematik Transparenz von der theologischen Sichtweise. Die Theologie schaut nämlich auf den Menschen aus der Perspektive, den wir das Geheimnis Gottes nennen. Die Welt und der Mensch sind die großen Werke Gottes. Der Mensch ist ein Ebenbild des unsichtbaren Gottes, so der Apostel Paulus in einem Brief an die Kolosser. Es gibt Bereiche, die sowohl dem eigenen, als auch dem gesellschaftlichen Zugriff entzogen sind. Die Grenzen der Selbsterkenntnis sind die eigene Tiefe und das eigene Geheimnis. Gott (durch)schaut den einzelnen Menschen mit dem Blick des Erbarmens. Ordensspitäler sollten in dieser Hinsicht „HEIL-LAND“ sein, Biotop, wo der Mensch aufatmen kann, und zwar ganzheitlich gesehen, und ohne zu moralisieren. Es geht also nicht darum, das Geheimnis zu erklären. Es gilt hingegen dieses Innerste des Menschen zu „bewohnen“. Das Krankenhaus soll ein möglichst kommunikativer und transparenter Ort sein, der eben diesen innersten Bereich des Menschen mit großem Respekt behandelt. Letztlich muss in der Person geachtet werden, was ihr eigenes Wohl und Wehe betrifft. Daher ist Transparenz, wenn sie schrankenlos ist, inhuman.

 

Priv.-Doz. Dr.phil. Claudia Wild

Transparenz bei Methoden und Prozessen: Beispiele aus der Spitzenmedizin

Die Referentin setzte sich sehr kritisch mit den medizinischen Studien und der Werbung im Medikamentenbereich auseinander. Der medizinische Fortschrittsbegriff wird nämlich bewusst durch Bilder, Darstellungsarten, Termini (Innovation) und Zahlenspielen von Marktanbietern geprägt. Das medizinische Fortschrittsmodell ist laut Wild ein kulturelles Muster, basierend auf mental verankertem Expansionismus. Es gibt dabei eine Intransparenz, eine unübersichtliche Vermischung von Interessen, wobei die Interessenslage der Patienten oft nicht im Vordergrund steht. So werden bei Medikamentenstudien oft Fortschritte dargestellt, die es so gar nicht gibt. Wegschauen und Verwischen bei Langzeitdokumentationen ist jedenfalls keine evidenzbasierte Medizin. Oft kommt es auch zu einer zu raschen Einführung von Präparaten. Der Nutzen sei oft ungewiss, die Risiken groß, das werde aber verschwiegen. Transparente Entscheidungsprozesse sind daher im Bereich der Studien unbedingt notwendig, die Patienten müssen wissen, worum es wirklich geht. Deshalb sind Transparenzmängel im Gesundheitswesen Einfallstore für Korruption. Vision ist wegzukommen von der intuitiven, interessensgetriebenen Politik. Entscheidend ist die Studien kritisch zu hinterfragen, eine zu stark profitorientierte Forschung zu unterbinden, da eine Großzahl der Studien firmenfinanziert ist.

 

Dr. Gerald Bachinger

Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser – am besten Transparenz!

Das Vertrauen der Patienten in das Gesundheitswesen und in die Medizin ist zunehmend im Abbröckeln. Vertrauen bekommt man aber nur durch mehr Transparenz. Es geht aber nicht um vollständige Transparenz, wo der Patient mit all seinen Daten der Öffentlichkeit schutzlos ausgeliefert ist. Transparenz ist aber Voraussetzung für Gesundheitsmündigkeit, Qualitätssteigerung, für offene Fehlerkultur, mehr Patientensicherheit und für gute Orientierung des Patienten im Gesundheitswesen. Bachinger fordert den demokratisch-beteiligten Patienten, er soll Mitbestimmer im Gesundheitswesen auf der Makro-Ebene werden, davon ist man aber in Österreich weit entfernt, so Bachinger. Bachinger zeigt die Widerstände gegen die Transparenz auf, da Transparenz oft unangenehm und schmerzhaft ist, zu Fragen führt und die Notwendigkeit für Rechtfertigung und Reformen mit sich bringt. Weiters wird von den Gegnern der Transparenz angeführt, dass diese Patienten verunsichere. Der Referent zeigte auf, dass das Gegenteil der Fall ist. Transparenz ist Voraussetzung für offene Fehlerkultur, sie verunsichert nicht, sondern Patienten sehen sich als wesentlicher Teil vom Risikomanagement. Und Patienten wollen mit sehr großer Mehrheit, dass über Fehler informiert werden soll. Im ELGA-System sieht daher Bachinger eine große Chance, da die Vernetzung von Gesundheitsdaten ein Gebot der Stunde ist, es ist ein Werkzeug für gut integrierte Versorgung und mehr evidenzbasierte Gesundheitsinformation. ELGA bringt mehr Qualität und Patientensicherheit, und das ist das Entscheidende, so Bachinger. Die derzeitige Diskussion um ELGA nur unter dem Titel „Datenschutz“ ist falsch, es sind dies vielfach reine Lügenkampagnen, so der niederösterreichische Patientenanwalt.

Präsentation zum Download »

 


Podiumsdiskussion

Teilnehmer:   Dr. Günter Jakobi, Geschäftsführer TAU.GRUPPE der Franziskanerinnen Vöcklabruck;
Prof.Dr. David Klemperer; Dr. Andreas Krauter, Geschäftsleitung der Vinzenz Gruppe;
Priv.-Doz. Dr.phil. Claudia Wild; Dr. Gerald Bachinger; emer. Univ.-Prof. DDr. Paul M. Zulehner
Moderation: Dr. Johannes Jetschgo, Chefredakteur ORF OÖ


zur Fotogalerie »

Weitere Informationen zum Kongress sowie Pressefotos auf Anfrage

Die Oö. Ordensspitäler danken ihren Partnern für die freundliche Unterstützung:
OÖ. Versicherung
VKB-Bank
   HYPO Oberösterreich
Raiffeisen Landesbank
Stadt Linz
  
Land Oberösterreich